Trudeau vs. Merkel: Wieviel Twitter braucht die Politik? Zur Bundestagswahl 2017

Deutschland steht kurz vor der Bundestagswahl 2017 und Angela Merkel kämpft um ihre Stellung. Dabei könnte ihr ihre betont professionelle Haltung zum Verhängnis werden. Zu unnahbar sei die ‘Mutter Deutschlands’, so der Spiegel1. Es sei „fast unmöglich geworden, hinter der Kanzlerfassade noch den echten Menschen zu erkennen“. Privates preiszugeben, schätze die Kanzlerin nicht und Plaudertaschen kündige sie ganz einfach die Freundschaft. Sachlichkeit ist ihr Markenzeichen, aber es ist heute vielleicht kein vorteilhaftes mehr.

Dass Politik hingegen auch sexy sein kann, wissen wir seit JFK. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat dieses Image neu aufgelegt. Während Angela Merkel vor privaten Auftritten zurückscheut, nutzt Trudeau mit geübter Lässigkeit soziale Medien und Klatschpresse für seine Zwecke. Erst kürzlich photobombte er scheinbar zufällig beim Joggen in Vancouver einen Schulabschlussjahrgang. Ein gelungener Medien-Coup – bis rauskam, dass der Auftritt geplant war und der persönliche Photograph des Staatsführers bereits in Position stand, als dieser ‘ganz zufällig’ an den Schülerinnen und Schülern vorbeilief. Viele Kandier stehen diesen Auftritten kritisch gegenüber. Insbesondere, weil sie Unmengen an Steuergeldern verschlingen. Trotzdem scheinen sie Trudeaus Popularität zu steigern, denn die Medien in Kanada und der ganzen Welt können kaum genug von dem jugendlichen Premier bekommen.

Wo liegt ein gesundes Maß für diese Art politischer Popkultur? Wenn Politik zur reinen Unterhaltung wird, ist unsere Demokratie am Ende. Andererseits müssen Politiker aber auch lernen, sich gesellschaftlichen Trends in der Kommunikation anzupassen – sonst werden sie überhört. Obwohl sie seit 12 Jahren ein Big Player in der Weltpolitik ist, hat Angela Merkel nur rund 10.600 Anhänger auf Twitter, wahrscheinlich, weil sie bisher nur schlappe 17 Tweets veröffentlicht hat. Trudeau, gerade erst auf der Bühne der Weltpolitik erschienen, hat bereits 15.000 mal getweetet und 3,5 Millionen Follower. Hat Merkel hier also den Anschluss verloren? Junge Wähler erreicht sie so zumindest nur schwer.

Merkel habe entschieden, dass Twitter nichts für sie sei, so der Spiegel2. Das ist keine Überraschung, denn die sozialen Medien funktionieren über (fingierte) Nähe. Etwas, das sie gerne verhindert sieht, egal ob gespielt oder echt. Sie möchte nicht Angie, die ‘Politikerin zum Anfassen’ sein. Dafür hat sie seit über 12 Jahren zu hart an dem Bild von einer professionellen Kanzlerin gearbeitet, der es auf Inhalte und Fakten ankommt.

Angela Merkel würde der Verdruss der Kanadier über die Angewohnheit ihres Premiers, mit charismatischen Auftritten die Klatschpresse um den Finger zu wickeln, sicher erfreuen. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass soziale Medien und Politik nicht zusammengehören. Das Gegenteil ist der Fall. Denn zu Zeiten, in denen viele Menschen ihre politische Bildung aus Facebook beziehen, sollten sich Politiker unbedingt auch dort zu Wort melden. Da darf auch die Kanzlerin sich nicht einfach verweigern, nur weil ihr das Medium nicht gefällt. Wohl kuratierte politische Inhalte in den sozialen Medien zu schaffen ist heute wichtiger denn je, und dafür tragen insbesondere auch Politiker Verantwortung. Zum Democracy Day letzte Woche tweetete Justin Trudeau: ‘We all have a responsibility to keep our democracy strong.’ Also: Ran ans Smartphone, Angela! Und Justin… Schluss mit den oben ohne Photos (auch wenn wir sie vermissen werden).

Die Fakten (Stand September 2017):

Auf Twitter hat Angela Merkel 10.600 Follower, abgegeben hat sie bisher nur 17 Tweets. Justin Trudeau hingegen hat 3,5 Millionen Follower und bis heute 15.000 Tweets veröffentlicht. Auf Facebook folgen 2,5 Millionen Menschen Angela Merkel, Trudeau folgen 5,5 Millionen. Auf Instagram hat Merkel 370 Tausend, Trudeau 1,6 Millionen Anhänger.

1René Pfister / Britta Stuff: ‘Im Kartenhaus’. Der Spiegel 12/2017, S. 17-23.

2Vera Kämper: Staatsoberhäupter bei Twitter. Das Zwitschern der Macht. Spiegel Online 2004.

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