Nur eine Nummer? Straßennamen in Nordamerika

Straßennamen sind momentan das große Diskussionsthema zwischen meinem kanadischen Freund und mir. Während die nordamerikanische Gewohnheit Straßen einfach zu nummerieren Unbehagen in mir auslöst, ist ihm die Ästhetik eines Straßennamens völlig egal.

Dass Straßennamen allein zur Orientierung gedacht seien, ist in Nordamerika eine weit verbreitete Vorstellung. Dies hat einen Grund, viele Städte wurden hier auf dem Reißbrett entworfen. Wenn ich heute wahllos Briefe and die Adresse 123-4567 89 Street South* in Städte von Albuquerque, New Mexico bis Zealandia, Saskatchewan verschicken würde, kämen wohl nur wenige zurück. Während in Vancouver zumindest die Straßen (nord-südlich liegend) Namen tragen und nur die Avenues (west-östlich liegend) nummeriert wurden, ist die Stadt Calgary in der Nachbarprovinz Alberta ein wahres Zahlenmeer. Sie ist nach Himmelsrichtungen viergeteilt und so gibt es hier jede Straßennummer gleich mehrmals: 1st Street South-West, 1stStreet South-East, 1st Street North-East, 1st Street North-West – und dann das gleiche nochmal mit den Avenues. Macht man sich die Mühe Straßen zu benennen, bleibt die Originalität meist auf der Strecke. So gibt es in jeder Stadt eine Main Street und einen Broadway, auch Maple Street (Ahornstraße) und Oak Street (Eichenstraße) sind beliebt.

Street sign in Vancouver

Für mich ist dies eine beängstigende Vorstellung, ist meine Adresse doch ein Teil von mir. So habe ich meine Unizeit an klangvollen Orten wie Kirschallee und Grindelallee verbracht, in der Geierstraße hingegen hielt ich es nur wenige Wochen aus. Spricht man in Deutschland von der Mö, der Kö oder dem Ku’damm**, dann weiß jeder, was gemeint ist. Diese Straßen sind einzigartig, nicht nur in ihren Namen, sondern auch in ihrer Geschichte und Kultur.

Auf der Grindelallee reihen sich Dönerbuden an Traditionsbuchhandlungen, in den Wohnungen darüber leben Dichter, Denker und Starköche, Familien, Studenten und Neuankömmlinge. Diese Straße erzählt die Geschichte eines lebhaften jüdischen Quartiers, von der Verwüstung des zweiten Weltkriegs und dem Aufstieg als Universitätsviertel. Sie ist eine namenhafte Persönlichkeit, die Grindelallee.

Nun stelle dir einmal vor, sie würde 62 heißen… Wäre sie dann die gleiche? Wenn ich mir die Grindelallee als “Straße 62” denke, dann weckt meine Vorstellung Bilder aus einem Science-Fiction Film: Roboter haben die Weltherrschaft übernommen und die Menschen versklavt.

Straßennamen sind mehr als Orientierungshilfe, sie stiften Identität. Sie erzählen uns von der Geschichte eines Ortes, sodass wir aus dieser lernen mögen. Sie berichten von den Bewohnern eines Ortes, sodass diese nicht in Vergessenheit geraten. Und sie können mit ihrem Wohlklang unsere Seele berühren, sodass wir gerne von diesem Ort sprechen werden. Zahlen können dies nicht, denn sie sind unpersönlich und austauschbar. Solange meine Straße nur eine Variable auf dem Reissbrett des Stadtplaners ist, kann ich mich nicht mit ihr identifizieren. Mein zu Hause ist kein beliebiger Ort und verdient daher mehr, als nur eine Nummer zu sein.

*123 (Apartmentnummer) – 4567 (Hausnummer) 89 (Straßennummer) Street South (Himmelsrichtung)

**Mönckebergstraße (Hamburg), Königsallee (Düsseldorf) und Kurfürstendamm (Berlin)

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