Gemeinwohl – zwei Wege, ein Ziel / Deutsch

Volunteering (zu Deutsch: Freiwilligenarbeit leisten) gehört in Kanada einfach dazu. Rund die Hälfte aller Kanadier spendet ihre Zeit einem guten Zweck, unter den Deutschen sind es gerade mal ein Viertel. Freiwillige unterstützen das Pflegepersonal in Krankenhäusern, üben mit Schulkindern Lesen und säubern Parks. Sie geben am Flughafen verirrten Touristen Auskunft, weisen Theaterbesucher an ihre Plätze, organisieren Spendenaktionen für die Krebsforschung und verteilen Butterbrote an Obdachlose. Sie opfern hunderte Stunden ihrer Freizeit, um die Heimat zu einem besseren Ort zu machen. In vielerlei Hinsicht sind Freiwillige der Motor der kanadischen Gesellschaft. Ohne sie wäre Kanada ein anderes; ohne kulturelles Angebot und einlandende öffentliche Räume, mit mehr Armut und einer schlechteren Grundversorgung.

Aber woher kommt dieses starke Bedürfnis sich für seine Stadt, für sein Viertel einzusetzen? Ist der Durchschnittskanadier mehr Gutmensch als der Durchschnittsdeutsche? Nein, denn der Grund liegt in der kanadischen Gesellschaftsstruktur. Das Einkommen von Deutschen und Kanadiern ist vergleichbar, sie führen davon aber nur 30 % als Einkommenssteuer und Sozialabgaben ab. In Deutschland sind es fast 50 %. Dies spiegelt sich in der staatlichen Versorgung der Bevölkerung wider. Viele Dinge, die in Deutschland der Staat regelt, sind in Kanada Privatsache. Aufstocken ist daher ein kanadisches Grundprinzip. Seine gesetzliche Krankenversicherung ergänzt man durch einen Zusatz, der Zahnarztkosten, Physiotherapie und Medikamente abdeckt. Riester ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Und das Gemeinwohl? Das stockt man eben mit Wohltätigkeit auf.

Eine geringere staatliche Grundabsicherung fördert hier in Kanada die Bereitwilligkeit zur Solidargemeinschaft, welche in Deutschland staatlich auferlegt ist. Dass die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Regulierung und der Freiheit des Einzelnen sowie der Wirtschaft einen großen Einfluss auf das Gemeinwohl hat, zeigt sich am Beispiel der USA. Obwohl das Durchschnittseinkommen hier deutlich höher ist als in Deutschland und Kanada, sind unverhältnismäßig mehr Menschen von Armut betroffen und es herrscht weniger soziale Gerechtigkeit. Kanada hat eine gute Balance gefunden. Der gesellschaftliche Wohlstand ist vergleichbar mit dem in Deutschland. Das funktioniert unter anderem so gut, weil Zusammenhalt schon früh kultiviert wird. So muss man zum Beispiel je nach Region 25-40 Stunden Freiwilligenarbeit leisten, um seinen High-School-Abschluss zu bekommen.

Gefühlt bietet der Sozialstaat in Deutschland mehr Sicherheit. Praktisch ist man aber in Kanada nicht schlechter dran, man muss eben nur auf seinen Nachbarn vertrauen. Die kanadische Freiwilligenkultur zeigt, dass Gesellschaft das Potential zur sozialen Selbstregulierung hat. Wo der Staat dem Individuum Selbstverantwortung auferlegt und den Kapitalismus begünstigt, setzten die Bürger sich für das Gemeinwohl ein. Dies gibt Hoffnung in turbulenten Zeiten.

Wie diese Hoffnung bis hin zu einer Gemeinwohl-Ökonomie weitergedacht werden kann, diskutieren Jürgen Wiebicke und Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, in der aktuellen Sendung des philosophischen Radios (WDR5): Machbar? – die Gemeinwohl-Ökonomie. Demnach müssen Profit und Konkurrenz nicht Teil von Ökonomie sein. Egoismus sei eine wirtschaftswissenschaftliche Ideologie und kein Teil der menschlichen Natur, argumentiert Felbert. Weil der Kapitalismus egoistische Handlungen belohne, seinen sie momentan prominent. Würden die Spielregeln des Systems verändert, wäre Kooperation das Mittel der Wahl. Die aktuellen Folgen der (höchst hörenswerten) Sendung sind hier als Podcast abrufbar.

Community2

Die Fakten:

  • laut OECD lag die Steuer- und Abgabenlast im Jahr 2016 in Deutschland bei 49,4 %, in Kanada bei 31,4 %
  • das durchschnittliche pro-Kopf Einkommen (brutto) lag in 2015 laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland bei USD 45.790, in Kanada bei USD 47.500 und in den USA bei USD 54.960
  • laut OECD waren im Jahr 2014 in Deutschland 9,1 % und in Kanada 12,6 % der Bevölkerung von relativer Armut betroffen, die USA übertrifft diese Zahlen mit 17,5 %
  • die Einkommensungleichheit zwischen Arm und Reich war laut OECD in Kanada mit einem Gini-Koeffizienten von 0.322 im Jahr 2014 nur leicht stärker ausgeprägt als in Deutschland (0.292), in den USA liegt er sogar bei 0.394
  • laut des von der Charity Aid Foundation herausgegebenen World Giving Index 2016 liegt Kanada im allgemeinen Wohltätigkeits-Länderranking weit vorne auf Platz 6, Deutschland hingegen auf Platz 21; in der Unterkategorie Freiwilligendienst liegt Kanada auf Platz 14, Deutschland auf Platz 39 und bei Spenden liegt Kanada auf dem elften Platz, Deutschland hingegen auf dem zwanzigsten

Quellen: CBC News Canada: High school volunteering: As some struggle to secure hours, others raise bar (08.07.2017) / Charity Aid Foundation: World Giving Index 2016 (07.07.2017) / OECD: Ländervergleich (07.07.2017) / Statistics Canada: Volunteering in Canada (08.07.2017) / Statistisches Bundesamt: Bruttonationaleinkommen je Einwohner (08.07.2017) / WDR5, Das philosophische Radio: Machbar? – die Gemeinwohl-Ökonomie (Podcast / 07.07.2017)

One Reply to “Gemeinwohl – zwei Wege, ein Ziel / Deutsch”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s