The World needs more Canada

Heute ist Canada Day, 150. Geburtstag feiert das Land. Dieses Jubiläum ist für viele Kanadier ein besonderer Grund zum Feiern. Deshalb befindet sich die Vermarktung des Ahornblatts auf rot-weißem Grund derzeit auf dem Zenit, ist aber auch sonst alltäglich. Der bekannteste Hamburger der Welt trägt ein Ahornblatt zwischen den zwei goldenen Bögen seines Logos, eine Lebensversicherung wirbt mit Produkten auserlesen für ‘stolze Kanadier’ und der Leitslogan einer Buchhandelskette proklamiert ‘The World needs more Canada’. Anlässlich des Geburtstags hat ebendiese dann auch gleich ein Buch mit gleichnamigem Titel herausgegeben. In diesem erzählen namenhafte Kanadier, was ihr Land so großartig macht. Der Ursprung dieses Slogans ist übrigens hoch offiziell: Die Regierung benutze ihn in den neunziger Jahren um Touristen ins Land zu locken. Heute ist er Verkaufsschlager – vom Wandbild bis zum Strandhandtuch, kein Wunsch bleibt offen.

CanadaCake

Der Markt reagiert auf einen Trend, den die Bürger setzen. Nationalstolz ist Volkssport. Geschmückt wird sich gerne mit der eigenen Flagge, über die Heimat spricht man laut und in Superlativen. Häufig geht es darum, was hier besser ist als anderswo. Man könnte meinen, die Kanadier würden eine Kehrtwende zu ‘Canada first’ begrüßen, käme nur der richtige blond gewellte Unternehmer mit großen Versprechen daher. Aber dem ist nicht so. Sie sind stolz darauf, ein Schmelztiegel der Kulturen zu sein, reisefreudig, stets freundlich und umweltbedacht. Ach ja, und eine staatliche Krankenversicherung haben sie auch, im Gegensatz zu den Nachbarn im Süden. Überhaupt geht es meistens darum, sich von den USA abzusetzen. Kanada prahlt nicht, es trotzt. Gegründet wurde Kanada rund hundert Jahre nach den Vereinigten Staaten, gegen die in der Vergangenheit nicht nur Territorium, sondern bis heute auch Kultur verteidigt werden muss. Eine subtile Angst davor, von dem starken Nachbarn politisch wie kulturell an den Rand geschoben zu werden, macht Selbstbehauptung für dieses Land mit gerade mal 35 Millionen Einwohnern daher zur Überlebensstrategie.

Auf dem nordamerikanischen Kontinent wird durch die Vereinigten Saaten bestimmt, was Normalität ist. Sein eigenes Land ganz einfach großartig zu finden, gehört dazu. Und trotzdem empfinden viele Kanadier ihren eigenen Nationalstolz als bescheiden (verglichen mit… wir wissen, wem). Man lebt mit dem Paradox, das dieser Zustand mit sich bringt. Man verkündet großspurig, dass man nicht so ist wie die Großspurigen.

CanadaCoffee

Auch wenn ich den kanadischen Nationalstolz jetzt besser verstehe, fremd bleibt er mir trotzdem. Nicht stolz sein, nicht Flagge zeigen, sich nicht besser wähnen als andere, dass haben wir jungen Deutschen früh gelernt. Der Holocaust als unsere Erbsünde, wie Filmemacher Michael Moore ihn beschrieb, lässt keinen Platz für schwarz-rot-goldene Extravaganzen. ‘The World needs more Germany’ wurde 1945 aus dem Sortiment genommen und ‘true partriot love’, wie die Kanadier ihre Vaterlandsliebe in der Nationalhymne besingen, verwerflich. „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nichts kannst / dann sei doch einfach stolz auf dein Land“, singen Kraftklub (Schüsse in die Luft). Unbehagen ist daher meine Reaktion auf Nationalstolz – und das will ich auch gar nicht ändern. Unsere Geschichte dient als Mahnmal, die Erinnerung zu pflegen ist gerade in diesen Tagen unsere Pflicht. Kanada zeigt aber auch, dass Nationalstolz nicht immer gleich Intoleranz bedeutet. Zum Canada Day feiern wir Multi-Kulti, Mülltrennung und Mutterschutz. Da juble ich gerne mit – für Kanada und ein bisschen auch für Deutschland.

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